Süßkirschen in Luxemburg

Seit 2011 setzt sich natur&ëmwelt – Fondation Hëllef fir d'Natur verstärkt für den Erhalt regionaltypischer Kirschsorten ein. Ziel ist es, alte Kirschbäume zu erfassen, deren Sorten zu bestimmen und diese Sorten auf jungen Bäumen zu vermehren. Ein Teil der so vermehrten Kirschsorten wird in Sortenerhaltungsgärten von natur&ëmwelt aufgepflanzt, um sie für die Zukunft zu sichern. Darüber hinaus werden Jungbäume dieser kaum in Baumschulen erhältlichen Sorten in weiteren Pflanzprojekten von natur&ëmwelt berücksichtigt.

 


Sortenvielfalt aus dem Trintingertal.

 

Für die sehr spezielle Bestimmungs- und Vermehrungsarbeit konnten kompetente Partner gewonnen werden. Die Sortenbestimmung der Kirschen, die eine langjährige Erfahrung, eine umfangreiche Referenz-Kirschsteinsammlung sowie die Auswertung historischer Literatur erfordern, erfolgt durch die überregional anerkannte Kirschenexpertin Dr. Annette Braun-Lüllemann. Die Vermehrung der Sorten auf junge Kirschbäume haben die Baumschulen Noehl aus Holsthum (bei Irrel) und Schmitz aus Trier übernommen. Die ohnehin schon anspruchsvolle Veredelung von Kirschen wird durch die oftmals sehr schwachen Veredlungstriebe alter Kirschbäume weiter erschwert und erfordert viel Fingerspitzengefühl des Baumschulers. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Ministère du Développement durable et des Infrastructures, Département de l'Environnement.

Nicht jede kartierte Sorte kann einer bereits bekannten und beschriebenen Sorte zugeordnet werden. Die aufgefundenen Sorten werden deshalb in fünf Klassen eingeteilt:


Benennung / Kriterien

Anzahl

Sorten mit offiziellem Namen

Zuordnung zu gebräuchlichen Namen in Sortenliteratur und Baumschulkatalogen möglich.

38

Sorten mit Lokalnamen (LN)

Zuordnung zu gebräuchlichen Namen in Sortenliteratur und Baumschulkatalogen nicht möglich. Es existiert jedoch eine lokale Benennung.

8

Unbekannte Sorten mit Arbeitsnamen (AN)

Zuordnung zu gebräuchlichen Namen in Sortenliteratur und Baumschulkatalogen nicht möglich. Vergabe eines die Sorte charakterisierenden Arbeitsnamens.

24

Unklare (nicht sicher bestimmbare) Sorten (UK)

Aufgrund unzureichender Proben (z. B. zu wenig Früchte, zu unreife Früchte, zu weit fortgeschrittene Reife) keine sichere Bestimmung möglich und keine Benennung mit Arbeitsname (AN) sinnvoll.

18

Sämlinge mit interessanten Eigenschaften

Bäume, die aufgrund von Standort, Alter und Erscheinungsbild offensichtlich nicht gepflanzt wurden und deren Früchte interessante Eigenschaften (Geschmack, Form, Farbe) aufweisen.

3

 

Das Ergebnis ist bemerkenswert: 38 Sorten konnten bestimmt und ein offizieller Name zugeordnet werden. Vor allem in der Gegend des Trintingertales wurden acht Sorten gefunden, die dort einen lokalen Namen haben und sich nicht überregional einordnen lassen. 24 Sorten sind bis dato unbekannt; ob ihr „Geheimnis" gelüftet werden kann, müssen weitere Recherchen ergeben. Diese Sorten wurden mit einem Arbeitsnamen (AN) versehen. Mit dieser Kartierung wurden bisher also mindestens 70 verschiedene Kirschensorten erfaßt! Mindestens deshalb, weil sich unter den unklaren, nicht sicher bestimmbaren Sorten wahrscheinlich noch die eine oder andere „neue" Sorte befindet, die in den kommenden Jahren zugeordnet werden kann.

Daneben wurden einige Sämlinge registriert. Sämlinge sind zufällig aus einem Samen (Stein) entstandene Bäume mit genetisch eigenständigen Eigenschaften. Diese gelten nicht als Sorte. Drei dieser Sämlinge wären es jedoch wert, aufgrund der interessanten Fruchteigenschaften weiter vermehrt zu werden und so vielleicht eine neue Sorte zu begründen. Leider ist ein interessanter Sämling („Ardenner Spitzchenkirsche") gerodet worden, bevor er erfolgreich vermehrt werden konnte.

Download hier: Liste der kartierten Sorten

Richard Dahlem

 


Die Choque gehört zu den beliebesten Brennkirschen Luxemburgs und zeichnet sich durch einen hohen Zucker- und Säuregehalt aus.

 

 

Eine unbekannte Sorte, gefunden in Bech: AN Jokesbierger Schwarzkirsche.

 

 

Nicht unreif, sondern sortentypisch gelb: Drogans Gelbe Knorpelkirsche.

 

Das Sortenspektrum aus überregionaler Sicht

Das bei den aktuellen Untersuchungen aufgefundene Sortenspektrum weist gegenüber bisherigen Kirschkartierungen in anderen Regionen zwei Besonderheiten auf. Zum einen ist der Anteil rotbunter Sorten sehr hoch. So sind die Sorten, die unter Lokalnamen aufgefunden wurden, fast ausnahmslos rotbunte Kirschen. Sie zeichnen sich durchweg durch einen hervorragenden Geschmack mit speziellem Aroma und hohem Süßegrad aus. Die meisten der Sorten wurden und werden daher u. a. auch zu Brennzwecken genutzt. Geschmacklicher Favoriten sind hier die Sorten Choque, die in der benachbarten nordfranzösischen Region um Metz entstanden ist sowie Rouja, welche sehr gesunde Bäume ausbildet.

Zum anderen finden sich sehr seltene Sorten des einst überregional verbreiteten Sortiments, z.B. die ebenfalls rotbunte Winklers Weiße Herzkirsche, die bisher nur von zwei Standorten in Deutschland bekannt ist, sowie die ebenfalls sehr alte Sorte Späte Spanische.

Im benachbarten Deutschland allgemein verbreitete Standardsorten wie Große Schwarze Knorpelkirsche, Schneiders Späte Knorpelkirsche und Büttners Rote Knorpelkirsche treten dagegen auf alten Bäumen nur vereinzelt auf. Lediglich die durch die Baumschulen geförderten Sorten Hedelfinger und Große Prinzessin (Napoleon) sind auch in Luxemburg stärker verbreitet. Es ist jedoch zu vermuten, dass in Luxemburg die regionalen Kirschsorten durch die lokalen Obstanbauer seit jeher bevorzugt angebaut wurden und die internationalen, speziell die Sorten deutschen Ursprungs (die vorwiegend durch die Baumschulen angeboten wurden) relativ wenig Eingang in den Anbau gefunden haben. Die Vermehrung der Bäume fand bis in die Nachkriegszeit offensichtlich überwiegend durch die Obstanbauer selbst statt: Sämlinge wurden aus dem Wald geholt, aufgepflanzt und einige Jahre später mit den Sorten veredelt, die man schätzte und vor Ort verfügbar hatte.

Als wahres Glück für die Kirschsortenvielfalt erweist sich, dass in Luxemburg offensichtlich keine durchgreifenden Sortenbereinigungen stattgefunden haben, wie dies in vielen traditionellen Kirschanbaugebieten Deutschlands der Fall ist. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass in Luxemburg die Entwicklung zum intensiven Erwerbsanbau mit einem stark reduzierten Einheitssortiment und der Fokussierung auf dunkle, festfleischige, spätreifende Sorten ab den 1960er Jahren nicht stattgefunden hat. Mit jener Entwicklung einher ging in den Kirschanbaugebieten Deutschlands meist eine weitreichende Sortenbereinigung, der der Großteil der rotbunten und der weichfleischigen Sorten zum Opfer fiel.

 

Umso bedeutender ist die in Luxemburg noch anzutreffende Vielfalt dieser Sortengruppe!

Die generelle Entwicklung zur Sortenreduzierung wird jedoch auch in Luxemburg im aktuellen Baumschulsortiment offensichtlich, in dem ganz überwiegend nur eine relativ kleine Anzahl internationaler Sorten vertreten ist. Lokalsorten wie Choque oder Rouja sind fast nicht mehr verfügbar. Für die Zukunft ist daher zu erwarten, dass sich auch in Luxemburg eine drastische Sortenreduzierung auf diese wenigen, von der Mehrzahl der Baumschulen angebotenen international verbreiteten Sorten ergeben wird.

Die meisten der aufgefundenen Lokalsorten zeichnen sich durch eine gute Baumgesundheit sowie einen sehr guten Geschmack aus und sind an die jeweiligen standörtlichen Verhältnisse in Luxemburg gut angepasst. Sie sind daher für den Hobby- und Liebhaberanbau in Gärten und auf Streuobstwiesen oftmals besser geeignet als das in den Baumschulen verfügbare reduzierte internationale Sortiment. Auch können sie aufgrund ihrer guten Geschmacks- und Gesundheitseigenschaften eine interessante Grundlage für die zukünftige Züchtungsforschung sein. Es wäre zu empfehlen, diese Sorten wieder im luxemburgischen Baumschulsortiment einzuführen. So könnte dieser aufgefundene Sortenschatz auch für die Zukunft in der Landschaft etabliert und damit sowohl als genetische Ressource wie auch als kulturelles Erbe gesichert werden.

Dr. A. Braun-Lüllemann

 

 

Dr. Annette Braun-Lüllemann bei der Erfassung von Süßkirschen in Ettelbrück. Der Bongert am Heinenhaff ist neben dem Trintingertal das bedeutendste Süßkirschenvorkommen in Luxemburg. 

 


<< zurück